«Mit Grenzwerten lassen sich PFAS nicht eindämmen»
Carte Blanche für Alexandra Kroll, Oekotoxzentrum, Nathalie Chèvre, Universität Lausanne, und Martin Scheringer, ETH Zürich
Die Politik versucht aktuell, die PFAS-Problematik vor allem mit Grenzwerten und Deklarationen im Zaum zu halten. Angesichts stetig steigender Konzentrationen dieser «Ewigkeitschemikalien» geht dieser Ansatz nicht auf. Vielmehr müssen wir die Produktion und Verbreitung der PFAS senken und letztlich möglichst unterbinden. Wesentliche Verbesserungen lassen sich dabei relativ rasch und einfach erreichen.

Der Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autor:innen wieder und muss nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.
Wissenschaftliche Analysen zeigen, dass ein erheblicher Anteil der PFAS-Emissionen kurzfristig unterbunden werden könnte: durch Ersatz in Anwendungen, wo PFAS-Alternativen verfügbar sind; durch das Verbot nicht notwendiger Anwendungen (etwa in Kosmetika) und durch gezielte Verbote in Anwendungen, aus denen sich PFAS unmittelbar in Umwelt und Mensch verbreiten.
PFAS unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von anderen Umweltkontaminanten. Ihre breite Verwendung und chemische Stabilität haben zu einer flächendeckenden Verteilung in Umwelt und Organismen geführt. Einmal freigesetzt, sind sie kaum rückholbar. Besonders die stabilen perfluorierten Säuren wie PFOA, PFOS, aber auch Trifluoressigsäure (TFA), die auch als Umwandlungsprodukte aus vielen anderen PFAS entstehen, verbleiben über Hunderte von Jahren in der Umwelt. Wissenschaftliche Berechnungen weisen darauf hin, dass die globale Exposition kontinuierlich zunimmt.
Grenzwerte können Gesundheit und Wirtschaftlichkeit immer weniger gleichzeitig berücksichtigen
Toxikologisch abgeleitete Schwellenwerte für PFAS werden bereits überschritten. Behördlich festgelegte Grenzwerte, welche oft auf diesen Schwellenwerten beruhen, sind regulatorisch wichtige Werkzeuge. Bei der Festsetzung von Grenzwerten wird jedoch auch die technische Machbarkeit berücksichtigt. Dies ist eine Schere, die sich immer weiter öffnet. Da die Konzentrationen von PFAS in der Umwelt weiterhin ansteigen werden, besteht die Gefahr einer sukzessiven Anpassung von Grenzwerten nach oben, um ihre Einhaltung realistisch zu ermöglichen. Die Grenzwerte können damit den Schutz für Mensch und Umwelt immer weniger gewährleisten. Hinweise auf molekulare und zelluläre Veränderungen, die langfristig chronische Erkrankungen bedingen können, liegen bereits vor. Für perfluorierte Säuren wie TFA ist aufgrund ihrer Persistenz davon auszugehen, dass das Risiko praktisch unbegrenzt lange bestehen bleibt.
Wissenschaftsbasiert bedeutet nicht zuwarten
Von Industrieverbänden wird häufig betont, eine Regulierung müsse «wissenschaftsbasiert» erfolgen. Dies ist tatsächlich wichtig, darf jedoch nicht missverstanden und im Sinne einer Verzögerungstaktik verwendet werden. Die Forderung, sämtliche PFAS vor einer Regulierung vollständig toxikologisch zu charakterisieren, um für jede Substanz eine Risikobewertung durchzuführen, ist praktisch nicht realisierbar. Angesichts von mehreren tausend Substanzen würde ein solches Vorgehen Jahrhunderte beanspruchen. Fakt ist: rund 1 Prozent der PFAS sind mittlerweile besser toxikologisch untersucht und bei praktisch allen zeigte sich eine chronische Toxizität des PFAS selbst oder der Umwandlungsprodukte. Angesichts steigender Konzentrationen von PFAS in der Umwelt, der Nicht-Rückholbarkeit und der chronischen Toxizität scheint uns die Zeit reif, um die Eindämmung von PFAS-Quellen an die Hand zu nehmen: die «low hanging fruits» rasch umsetzen und in Zusammenarbeit von Politik, Industrie und Wissenschaft die Entwicklung von PFAS-Alternativen vorantreiben. Dass sich mit einem solchen Innovationsschub auch relevante Marktchancen für Schweizer Unternehmen ergeben können, ist angesichts der weltweiten PFAS-Problematik naheliegend.
PFAS-Quellen eindämmen
Wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass die langfristigen Kosten einer Nicht-Regulierung – durch Schäden an Ökosystemen, Kosten für Sanierungen und Schadensersatzzahlungen, Einschränkungen landwirtschaftlicher Nutzung und gesundheitliche Beeinträchtigungen – erheblich sein werden. Die Schlussfolgerung aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen ist unseres Erachtens: Grenzwerte und Deklarationen können die intrinsische Problematik von PFAS nicht lösen. Notwendig ist eine konsequente Emissionsminderung an der Quelle.
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Alexandra Kroll ist Expertin für (Umwelt-)Risikobewertung am Oekotoxzentrum, Nathalie Chèvre Ökotoxikologin an der Universität Lausanne und Martin Scheringer Umweltchemiker an der ETH Zürich. Die Forschenden haben an der Erarbeitung des kürzlich publizierten Faktenblattes «PFAS: Vorkommen, Risiken und Handlungsansätze» der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz mitgewirkt.
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